Die Musik spricht für sich allein.
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Yehudi Menuhin

Konzeption

Die Orgel in der NAK Welzheim ist eine historische englische Orgel und wurde von J. Halmshaw & Sons, Organ Builders, Grosvenor Place, Camp Hill, Birmingham erbaut. Der Firmenzettel in der Windlade gibt als Datum Januar 1900 und als Bestimmungsort die kleine Ortschaft "Little Dawley, Salop." an. Die Orgel stand bis zu ihrem Abbau in der Methodist Church, Holly Road in Little Dawley, Shropshire, im wesentlichen unverändert. Sie wurde jetzt von Orgelbau Oppel, Schmallenberg, restauriert und in leicht veränderter Form in Welzheim aufgebaut.

Veränderungen am Gehäuse waren nötig, da die Orgel ursprünglich keine rechte Seitenwand und Rückwand hatte. Das Instrument stand direkt an der Kirchenwand, die linke Seitenwand trug ähnlich dem Prospekt vorne den Bourdon 16' als Seitenprospekt. Dieser mußte wegen der Höhe auf der Empore an die Rückwand verlegt werden, die rechte Seitenwand nur der linken stilistisch nachgebildet, die Abschlüsse links und rechts an der Seite nach oben wurden ergänzt.

Die Prospektpfeifen waren im Verlauf der letzten 100 Jahre verschiedentlich farblich gefaßt. Die ursprünglich elfenbeinerne Farbe mit vergoldeten Labien wurde minzgrün mit Blumenornamentik übermalt, später mit Silberbronze überstrichen. Das Gehäuse war farblich nicht gefaßt. Aus architektonischen Zwängen heraus mußte gegen Widerstand von Orgelsachverständigem und Orgelbauer das Gehäuse dunkel gebeizt, die Pfeifen silbern lackiert werden. Die originale Vergoldung der Ornamente und der Schrift unter dem Prospekt konnte aber wiederhergestellt werden.

Die Mechanik und Windladen samt Gebläse und Schöpfer waren weitgehend original erhalten, späterer Zusatz war ein elektrisches Gebläse. Dieses wurde entfernt, ein neues Gebläse wurde im Podest unter der Orgel integriert und mit dem Magazinbalg verbunden. Die Schöpfanlage wurde restauriert und ist einsetzbar. Die Windladen sind mechanische Schleifladen, die Prospektladen sind pneumatische Scheibenventilladen.

Die Tasten haben noch den originalen Belag aus Elfenbein. Alle Tasten wurden überarbeitet, der Belag neu fixiert. Zwei Beläge mußten, weil sie durchgespielt waren, durch neue aus Elfenbein ersetzt werden.

Aus akustischen und liturgischen Gründen wurde im Stil der Zeit eine Superkoppel ergänzt, um dem Great die nötige Brillanz im akustisch recht trockenen Kirchenraum zu geben.

Das Pfeifenwerk war original erhalten, so konnte behutsam eine Intonation wiederhergestellt werden, die möglichst nahe der originalen Klanggestaltung kommt.

Der Open Diapason ist mit recht weiten Mensuren (C bei 155 mm) doch mit ausreichendem Strich und nicht zu massig intoniert. Die Claribel bringt immer noch Fülle bei. Diese besteht in der tiefen Oktave aus dem Stopped Diapason, einem Gedeckt, das auch von der Dulciana verwendet wird, und ab c einer offenen Holzflöte, die zum Diskant hin zu einer strahlenden Soloflöte anwächst. Die Dulciana ist mit sehr leisem Ton und reichem Obertongehalt eine weiche und doch tragfähige Grundstimme, sie kann durchaus Begleitungsfunktion übernehmen. Der Principal 4' ist als Klangkrone nicht scharf und spitz. In der Tenoroktave recht hornartig, geht er im Diskant in eher flötenden Klang über. Dieses kam dem Einsatz der Oktavkoppel sehr entgegen. So ist der Principal durchaus auch mit der Claribel kombinierbar.

Im Swell steht dem Diapason ein Bell Diapason gegenüber, dessen Strich vor allem bei geschlossenem Swell fast das Klangbild einer (durchschlagenden) Zunge ergibt. Das Lieblich Gedact war eine Überraschung, da es sehr eng und niedrig aufgeschnitten mager fast wie eine Quintade klang. Es behauptet sich aber in perfekter Mittelstellung zwischen Dulciana und Bell Diapason. Da es ebenfalls zum Diskant hin ansteigt, kann es sowohl begleitend zur Dulciana wie auch als Solostimme der Dulciana gegenüber gesetzt werden. Lieblich Gedact und Bell Diapason sind in der tiefen Oktave ebenfalls kombiniert. Das Gemshorn 4' hat einen zylindrischen Körper und stellt das Echo zum Principal dar. Die Oboe ab c stellt im Obertonaufbau die Fortsetzung des Bell Diapason dar und bindet sich so symphonisch in den Gesamtklang ein. Die Kombination Bell Diapason, Gemshorn und Oboe kann einen Kornettklang ersetzen. Die Wirkung des Swell mit liegenden Lamellen ist sehr stark. Der originale Fußtritt zum Einhaken wurde belassen.

Ebenfalls original vorhanden sind zwei feste Kombinationen, die auf das Great wirken und per Fußtritt geschaltet werden können, der linke schaltet Claribel und Dulciana zum Vorspiel, der rechte schaltet zusätzlich Open Diapason und Principal zur Gemeindebegleitung. Erneutes Betätigen des linken Tritts löst Open und Principal wieder aus, ggf. für ein Nachspiel.

Nicht nur die Intonation wurde möglichst in den Urzustand zurückversetzt, auch die Temperierung, die Stimmung wurde rekonstruiert. Da sowohl Principal als auch Gemshorn auf Ton geschnitten waren, konnten hier die Frequenzen von zweimal drei Oktaven abgenommen werden. Den Werten am nächsten kam eine Temperierung nach Thomas Young, 1800. Diese ungleichstufige Stimmung verteilt ähnlich Vallotti das pythagoreische Komma auf 6 Quinten. Dadurch erhalten alle Tonarten charakteristische Farben, die Terzen in den Tonarten mit wenig Vorzeichen sind bevorzugt. So klingt etwa D-Dur sehr strahlend.

Das Instrument von Halmshaw ist mit Datum Januar 1900 die älteste momentan in einer Neuapostolischen Kirche in Süddeutschland verwendete Orgel. Die Orgel der Gemeinde Sneek-Sperkhem, Niederlande, ist wenige Jahre älter. Als nächstältere Orgel im Süden kann das Instrument der Kirche Horgen, Schweiz, gelten, Baujahr 1901.

Andreas Ostheimer, Orgelsachverständiger

Restaurierung der historischen Halmshaw-Orgel und Umsetzung von Little Dawley nach Welzheim

System: mechanische Schleifladen, mechanische Registertraktur
Erbauer: J. Halmshaw & Sons, Organ Builders, Grosvenor Place, Camp Hill, Birmingham; Baujahr 1900
Spieltisch: Manualklaviatur Obertasten in Ebenholz, Untertasten Elfenbein; Manualumfang C-g''', Pedalumfang C-f'
Pfeifenwerk: Original erhaltenes Pfeifenwerk in hervorragender handwerklicher Verarbeitung
Windanlage: Großer Doppelfaltenbalg, darunter Keilbälge mit Schöpfanlage (Handbetätigung), Höhenstandsanzeiger; nachträglich in das Untergehäuse integriertes elektrisches Gebläse


Disposition:

Manual I - Great

Open Diapason 8'
Dulciana 8'
Stopped Diapason & Claribel 8'
Principal 4'


Manual II - Swell

Bell Diapason 8'
Lieblich Gedackt 8'
Gemshorn 4'
Oboe 8'


Pedal

Bourdon 16'


Couplers / Koppeln

Swell to Great
Great to Pedal
Super Great to Great

Eine Orgelrestaurierung der besonderen Art


Bei diesem Projekt galt es, eine historische romantische Orgel in einen modernen Kirchenraum zu integrieren. Dabei wurden denkmalpflegerische Grundsätze in vollem Umfang konsequent umgesetzt, so dass Begriffe wie »Gebrauchtorgel« oder »gebrauchte Orgel« diese besondere Orgelrestaurierung nur unzureichend und auch unzutreffend beschreiben würden.

Ein besonderer Glücksfall ist die architektonisch gelungene Einbindung der Orgel an ihrem neuen Standort. Der Verlauf der Prospektpfeifen bildet Parallelen zur Kirchendecke, die von den kleinen Spitzfeldern aufgelockert werden. Die zentral in der Mittelachse der Empore stehende Orgel verfügt über eine optimale Klangabstrahlung in das Kirchenschiff.

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