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Yehudi Menuhin

Projektbeschreibung

Westernbödefeld – Restaurierung eines Casson-Positivs

Disposition:

Double Bass 16 ft F-c'
Melodic Diapason 8 ft ab c'
Open Diapason 8 ft F-e° aus Liebl. Ged. 8'
Lieblich Gedact Bass 8 ft Schleifenteilung h°/c'
Lieblich Gedact Treble 8 ft
Dulciana Bass 4 ft Schleifenteilung h°/c'
Dulciana Treble 4 ft

Erbauer: Thomas Casson, Positive Organ Company

Technik

Das Herzstück dieser Orgel ist eine mechanische Schleiflade. Die Pfeifen des Double Bass 16ft und die Pfeifen des Diapason 8ft stehen auf separaten pneumatischen Stationen, deren einzelne Töne von der Windlade aus über ein pneumatisches Relais angesteuert werden. Diese Orgel verfügt über einen Tonumfang von F-f'''. Durch Verschieben der Klaviatur sind in beide Richtungen Transponiermöglichkeiten gegeben. Über einen Kniehebel ist es möglich, eine feste Registerkombination zu schalten. Die Register Lieblich Gedact 8' und Dulciana 4' sind in Bass und Diskant geteilt. Der benötigte Wind wird entweder wie bei einem Harmonium vom Organisten selbst mit Fußtretern geschöpft oder von einem Kalkanten an einem seitlichen Schöpfhebel. In späterer Zeit wurde ein elektrisches Gebläse nachgerüstet, was in der Spielpraxis durchaus als positiv zu bewerten ist. Die Besonderheiten dieser Orgel liegen u.a. in den Registern Double Bass 16ft und Melodic Diapason 8ft. Bei eingeschaltetem Double Bass 16ft und vollgriffigem Spiel erklingt in diesem Register der jeweils tiefste betätigte Ton des Bassbereichs, während andere gezogene Register ganz normal im Akkord erklingen. Es entsteht also der Eindruck eines Pedals. Ist der Melodic Diapason 8ft eingeschaltet, so erklingt bei vollgriffigem Spielen der jeweils höchste betätigte Ton des Melodic Diapason 8ft im Diskant. Durch diese Technik ist es möglich, solistisch mit Begleitung und Bass zu spielen und somit den Eindruck einer zweimanualigen Orgel mit Pedal entstehen zu lassen.

Geschichte1

Inspiriert durch die kirchlichen Ideale der Oxford-Bewegung, wurde in den 1850er Jahren von dem englischen Vikar John Baron das Modell Scudamore entwickelt.

Durch die Oxford-Bewegung war es üblich geworden, dass sich Chöre in den Chorräumen aufstellten und Orchester und Kapellen von der Orgel verdrängt wurden. Neue Ideale von Würde und Ehrerbietung begannen die Liturgie der Kirche zu durchdringen. So war nun ein besonderer Typus Orgel gefragt. Die Orgel sollte der Begleitung des Chores, der Liturgie und der Gemeinde dienen und somit im Chorraum Aufstellung finden. Sie musste wegen der beschränkten Platzmöglichkeiten so klein wie möglich sein. Sie durfte nicht zu schwach sein, aber auch nicht zu stark, da sie den Gesang nicht übertönen sollte.

John Baron bemerkte:

"Die Orgel in den herkömmlichen Pfarrkirchen soll den Gesang leiten und stützen. Seine Fülle, Vielfalt und Schönheit soll in erster Linie durch die wohlgeübten Stimmen des Chores und der Gemeinde zum Ausdruck gebracht werden. Ein Register mit 49 Pfeifen kann der Anforderung gerecht werden, den Gesang einer großen Dorfgemeinde zu leiten und zu unterstützen."

So wurde 1856 die erste Scudamore Orgel nach den Entwürfen von Baron in seiner Kirche in Upton Scudamore, Wiltshire von Nelson Hall, einem ortsansässigen Orgelbauer, gebaut. Sie verfügte über ein einziges Register, den Open Diapason 8ft.

Wie nicht anders zu erwarten, entwickelte man die Scudamore Orgel ständig weiter. So entstand das Modell Octopod (Achtfüßer), bestehend aus meist drei Achtfüßen, dem Open Diapason, Stopped Diapason und einem Streicher.

Natürlich ließ auch das Modell Octopod den englischen Erfindergeist nicht ruhen. Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte Thomas Casson, Gründer und Direktor der Positive Organ Company, eine neue Variante des Octopod. Orgeln dieses Typus sind bis heute in England erhalten geblieben.

Thomas Casson zeigte, dass es möglich war, die Nutzbarkeit der Register bei verhältnismäßig geringen Kosten und geringem Platzaufwand zu vermehren. Um eine größere Auswahl an weicheren Registern zu erhalten, nutzte er die tiefen Oktaven mancher Register für andere Register gleich mit. Man konnte ihn in England also auch als Vater der Transmission bezeichnen. Die Vielfalt der technischen Möglichkeiten wandte Thomas Casson auch auf die Positive an, die ihn bald im gesamten britischen Empire berühmt machen sollten.

Da in den englischen Landgemeinden nur wenige Organisten zu finden waren, die imstande waren, gut Pedal zu spielen, musste eine Orgel geschaffen werden, die selbst ohne Pedal den klanglichen Eindruck einer Orgel mit Pedal machte. Zudem musste die Orgel preisgünstig und selbst für ungeübte Organisten leicht spielbar sein. Sie musste kompakt, relativ gut transportabel und für liturgische Zwecke, Chor- und Gemeindebegleitung geeignet sein. So entwickelte Thomas Casson ein Positiv, nach dessen Grundformat später hunderte gebaut wurden. Diese Orgeln sollten die gleichen Aufgaben wie ihre Vorgänger, die Scudamore Orgeln und Octopods, erfüllen und verfügten daher über einen überaus kräftigen Diapason 8ft als wichtigstes Register. So entstanden jene Orgeln, zu denen auch die Orgel in Westernbödefeld zählt.


Auszugsweise Übersetzung nach: Julian Rhodes: „The rise and fall of the octopod: an essay in memoriam“, September 1999 und George Dixon: „Thomas Casson: an Appreciation“ nach „The Organ quarterly, October 1948“

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